Hallo John, erzähl mir doch am Anfang bitte etwas über dich und sag mir wie du zur Fotografie gekommen bist.

Das ist natürlich kein reiner Zufall. Mein Vater war schon ein Photoholic. Er gründete zwei Fotoclubs hier in der Schweiz, hatte ein eigenes Labor (jaja da war noch alles ganz brav analog) und bei uns zu Hause war alles voller Kameraequipment, Fotomagazinen, Fotos, Negativen und anderem Fotokarsumpel. Damals konnte ich mich ehrlich gesagt gar nicht so für die Fotografie begeistern und die Leidenschaft meines Vaters hat mich eher genervt. Ich erinnere mich noch genau, dass man mich stets dazu überreden wollte, an Ausflüge mit der Schulklasse doch uuuunbedingt eine Kamera mitzunehmen. Ich habe dann häufig nachgegeben und so schon sehr früh viele Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt.
So richtig gepackt hat es mich dann erst später, als die ersten erschwinglichen Digicams auf den Markt kamen. Es gab eine Zeit in der ich mich aktiv (und eher erfolglos) auf der Fotocommunity rumgetrieben habe danach habe ich mich dann dem Filmen zugewandt. Die Fotografie wurde dann erneut aktuell, als meine erste Tochter zur Welt kam. Meine Partnerin (und Mutter unserer 3 Kinder) und ich gingen während der Schwangerschaft und auch nach der Geburt wöchentlich mehrmals auf ausgedehnte Wanderungen und Spaziergänge und ich habe mit einem iPhone und der wundervollen App „Polarize“ geshootet wie ein Wahnsinniger. Diese Motive wurden sehr beliebt und ich habe sogar ein kleines Produkt daraus generiert: www.polarize.ch

Mit der Zeit wurde mir das aber zu langweilig und durch Zufall bin ich vor etwas über 4 Jahren via Video2Brain auf Tutorials von Uli Staiger, Ralf Mack, Calvin Hollywod und weiteren gestossen. Ich war absolut fasziniert und habe mir fest vorgenommen, richtig intensiv in diesen Bereich einzusteigen. Anfangs wurde ich sicherlich von vielen belächelt und es wurde mir auch von einigen Personen empfohlen doch besser bei der „straight-out-of-cam“-Fotografie zu bleiben. Aber ich blieb stur; zum Glück!

Ein kleiner Zusatz: Wie motivierst du dich und woher holst du deine Motivation?

Ich finde es einfach so genial Bilder zu kreieren, dass ich mich nicht besonders motivieren muss. Meine Partnerin meint ja ich sei besessen und so ganz unrecht hat sie sicher nicht. Fast pausenlos läuft ein Denkprozess in meinem Hinterkopf, was ich denn noch witziges umsetzen könnte und alles dass ich sehe und höre wird gedanklich bereits in ein Fotoprojekt umgesetzt. Das Problem ist halt die Zeit. Ich habe ganz ganz viele Ideen niedergeschrieben und komme leider nicht dazu alle umzusetzen. Mit 3 kleinen Kindern und Fulltime-Job ist das halt schon etwas schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.

Wie sieht bei dir die Planung von einem Shooting aus? Ab dem Zeitpunkt, an dem dir die Idee kommt?

Ich lasse Ideen häufig mal etwas reifen. Wenn ich mich dann entschieden habe eine Idee umzusetzen geht’s eigentlich immer ganz schnell. Elemente shooten (in meinem Studio oder on location), nach Hause eilen, in Lightroom laden, Auswahl treffen und in Photoshop zusammen basteln.

Du arbeitest sehr viel mit deinen Kindern in deinen Fotografien, wie finden diese das? Gibt es bei euch dann sozusagen Fotobücher, die etwas moderner sind?

Wir produzieren für die Verwandtschaft und nähere Bekanntschaft jährlich einen Fotokalender. Meine Kinder machen eigentlich recht motiviert mit (ich muss nur ganz selten Gewalt in Form von Süssigkeiten oder iPad-Gametime anwenden). Einmal gab es gar eine Heulerei, weil meine mittlere unbedingt in mein kleines Estrichstudio wollte um Fotos zu machen und ich gerade keine Zeit hatte.
Aber es ist schon auch sehr anstrengend und nervaufreibend. Ich erkläre den kleinen häufig meine Idee in eine Geschichte verpackt; und Geschichten mögen sie wie alle Kinder halt sehr und hören aufmerksam zu. Im Studio bleiben dann aber für das eigentlich Shooting höchstens 5′, weil sich Kinder einfach nicht länger konzentrieren können. Da ist dann eine geschickte Ablenkungstaktik gefragt. Druck aufsetzen nützt nie was und bringt garantiert nicht die gewünschten Bilder.

Hast du ein neues Projekt in Planung, bei dem du uns vielleicht einen kleinen Einblick gewähren möchtest?

Ja momentan arbeite ich in ZBrush an einer Pinocchio-Nase. Das mache ich momentan wirklich sehr gerne. Normale Fotografie mit den Möglichkeiten dieser tollen 3D-Programme zu kombinieren ist meines Erachtens die absolute Zukunft. Ich glaube in vielen Bereichen wird die 3D Technologie Foto und Film gar gänzlich ablösen. In der Produktfotografie (Uhren, Autos etc…) ist das teilweise ja bereits geschehen.

Wie würdest du deinen Stil in genau drei Worten beschreiben?

Witzig, ästhetisch, stilisiert.

Du arbeitest ja hauptsächlich mit Fotomontagen. Woher holst du dir deine einzelnen Bilder? Sind sie alle von dir oder nutzt du auch Stock-Fotos?

Ich arbeite zu 99% mit meinen eigenen Bildern. Manchmal war ich auch schon nahe dran, mir für eine Szene ein cooles Stock runter zuladen, aber bisher konnte ich mir’s fast immer verkneifen. Ich nenn’s unterdessen schon mein persönliches Dogma nur mit eigenen Bildern zu arbeiten. Es schützt mich zudem vor Anfragen von Fans, die mich darum bitten doch mit ihren Bildern was cooles zu machen.

Welchen Fotografen oder Künstler würdest du gerne kennen lernen?

Gegen eine längere Bahnfahrt mit Erik Johansson hätte ich also rein gar nichts einzuwenden. Auch während einem Tiershooting von Tim Flach wäre ich gerne mal vor Ort und die Arbeitsweise von Cristina Otero würde mich auch brennend interessieren.

Würdest du uns vielleicht noch dein derzeitiges Lieblingsbild zeigen und ein paar kurze Worte dazu sagen?

© John Wilhelm

© John Wilhelm

Mein aktuelles Lieblingsbild ist „Dinner is served“. Ich mag es so sehr, weil es ein richtiges one-frame-movie ist. Der durchschnittliche Betrachter sieht vor seinem geistigen Auge sofort wie die kleine am Kochen ist, versucht via Luftwurf das Omlett umzudrehen und dieses dann auf Papas Kopf landet. Zudem ist es halt auch eine alltägliche Situation bei uns in der Küche…. RIESENGHETTO!

Zum Abschluss – Was würdest du allen angehenden Fotografen für die Zukunft empfehlen?

Ich glaube wenn man wirklich tolle Bilder machen möchte muss man einfach die Basics beherrschen. Will jemand mit eigenen Bildern arbeiten bedeutet das Fotografie Grundlagen zu verinnerlichen und möchte jemand nur Stocks verwursteln gibt es immer noch sehr viele Grundlagen zur Bildgestaltung, Farbharmonie, Perspektive, goldener Schnitt etc… zu lernen (um die auch der reine Fotograf nicht rumkommt).
Und vor allem gilt wie immer: Übung macht den Meister. Aus Fehlern lernt man. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wer andern eine Grube gräbt… ähh ja das vielleicht nicht.